Distanz oder Nähe durch Technik?

iphone 1012 087Mal ganz ehrlich, ich kann die Frage, ob wir Menschen uns dank digitaler Technik näher aufeinander zubewegt oder vielmehr voneinander entfernt haben, nicht eindeutig beantworten. Wie so oft gibt es kein richtig oder falsch, bestenfalls eine Grauzone, in der Definitionen und Erklärungsversuche zu verschwimmen drohen. In meinem letzten Beitrag hatte ich das Thema Distanz und Nähe durch digitale Technik ja aufgeworfen.

Ich möchte – wie schon letzte Woche – mit dem guten alten Telefon einsteigen, dass wohl als erstes technisches Gerät vermochte, Nähe auch auf Distanz zu verschaffen. Obwohl nicht am gleichen Ort, war ein Gespräch zeitgleich möglich, im Gegensatz zum schriftlichen Austausch per Brief, der wohl erst Tage oder Wochen nach dem Versand eintraf. Und hier kommt mir die Eingangsfrage wieder in den Sinn. Was schafft mehr Nähe: Telefon oder Brief? Den anderen 1:1 zu hören ist unmittelbarer, die Stimmung schwingt mit der Stimme schon mit. Im Brief ist allerdings für die Formulierung dessen, was man ausdrücken möchte viel mehr Zeit. Auch das Drumherum wie die Auswahl des Papiers, die Schrift oder der Ausdruck lassen Assoziationen zu.

Nun gut, springen wir gleich in die Jetzt-Zeit, in das IT-Zeitalter. Per Telefon wird zwar immer noch kommunziert, aber nicht mehr nur unmittelbar durch das gesprochene Wort. Die Möglichkeiten der Kommunikation sind explodiert. Wenn X heute in Y einen Stadtbummel macht und etwas interessantes entdeckt, ist in Nullkommanix ein Foto gemacht und an Z verschickt. Zeitgleich weiß Z also wo X sich gerade herumtreibt oder mit wem oder was er gerade zu sich nimmt oder eingekauft hat. Was früher zeitgleich nur per Stimme übermittelt werden konnte und auch nur wenn Absender und Empfänger sich in der Nähe des Telefons befanden, wird jetzt zeitgleich digital übermittelt. Mal davon abgesehen, dass Z dieses Foto bzw. die Message über das Social Network teilt, dann ist die Info viral unterwegs und kann in Minuten mehrere Hundert Menschen erreichen. Aber ist das Nähe?

Was, wenn der Arbeitsplatz nicht mehr „um die Ecke“ ist, sondern am anderen Ende der Welt? Durch das WWW sind die Möglichkeiten im Arbeitsmarkt grenzenlos, ein Beispiel, die digitalen Nomaden, erwähnte ich ja schon in einem früheren Artikel. Wohnt man gar auf einem anderen Kontinent als der Rest der Familie, kann Oma die Gute-Nacht-Geschichte auch über Skype vorlesen.

Es gab Zeiten, da habe ich meine Freunde fast täglich gesehen, allerdings stand damals auch nicht viel mehr auf meiner Agenda als Schule und Freunde ;o) Doch wie ist das bei den Jugendlichen heute? Verabredet man sich zum Zocken online, teilt seinen Status auf Facebook oder postet das neu erstandene Kleidungsstück? Wie viel Zeit verbringt man im realen Leben mit seinen Freunden? In diesem Zusammenhang kommt mir das 2003 gestartete Second Life in den SInn. In dieser virtuellen Zweitwelt agieren mittlerweile weltweit 36 Millionen Avatare. Millionen Menschen verbringen in einer Art Parallelwelt ihre echte Lebenszeit mit Menschen, die sie im wahren Leben wohl nie kennenlernen werden. Für mich schafft das beispielsweise eher Distanz, zumindest was die Beziehung zu realen Menschen betrifft.

Was ich allerdings sehr schätze, ist die Möglichkeit über Facebook zu verfolgen, was aus Bekannten, ehemaligen Mitschülern, Teamkollegen usw. geworden ist. Irgendwie verliert man sich durch die Sozialen Netzwerke nie so ganz aus den Augen.

Mein Resümee: Familie, Freunde, Partner, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht nah sein können, kann Technik die wunderbare Möglichkeit von Nähe verschaffen. Menschen, die sich nicht kennen (und im wahren Leben wahrscheinlich auch nie getroffen hätten), finden über die digitale Welt ebenfalls zueinander. Und ich gebe offen zu, das finde ich so unglaublich, wie schnell Kontakte im Netz entstehen, eben weil es eine Verbindung über das Interesse und keine Hindernisse von Entfernungen gibt. Dabei geht es in meinen Augen in erster Linie um das Schaffen von Möglichkeiten.  Traurig machen mich jedoch die Menschen, die ihr halbes Leben quasi „in der digitalen Welt“ verbringen, „liken“ und „sharen“ oder sich in „Strategiespielen“ online miteinander messen und dabei die Beziehung zum wahren Leben verlieren. Denn so ein gutes, altes, echtes Gespräch von Angesicht zu Angesicht mit allem Drum und Dran, mit Stimme, Mimik, Geruch bleibt für mich immer noch das Tüpfelchen auf dem i in Sachen Beziehungen.

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