Sprichst du noch oder tippst du schon?

Kannst du dir vorstellen, wie schräg unser Alltag (insbesondere unsere Kommunikation) für jemanden aussehen muss, der nicht in diesem Umfeld groß geworden ist? Du fährst mit diesem Menschen S-Bahn, der interessiert aus dem Fenster schaut und ab und an Blickkontakt mit den Mitreisenden sucht, diesen aber nicht findet. Geschätzte 95 Prozent der Menschen in der Bahn haben den Kopf gesenkt. Was machen die da, fragt er sich?

Auch du sitzt „Kopp runter“ da und tippelst eine Nachricht ins Handy. Ihr steigt aus und geht in ein Cafe. Du suchst ein netts Plätzchen und ihr macht es euch gemütlich. Er greift zur Karte, du suchst dein Smartphone in der Tasche. Aha, eine WhatsApp. Schnell mal drüberfliegen. So so, naja du antwortest schnell. Unterbrechung, Frechheit. Die Kellnerin fragt, ob du schon weißt, was du möchtest. Ähm, nö, hab noch gar nicht geguckt. Sie wackelt mit dem Hinweis ab, gleich wieder zu erscheinen.

Ok, wo warst du stehen geblieben? Weitertippeln, fertig, senden, prima. Dein fremder Begleiter schaut sich um und stellt fest, die meisten EInzelpersonen an den anderen Tischen starren auch auf ihre Handys. So wie du. Doch du bist ja nicht allein. Und er fragt sich, redet man heute so? Braucht man für Kommunikation ein Gerät, in das man sprechen kann?

PIEP PIEP, Whatsup-Antwort. Du kannst dich beherrschen nicht zu schauen, denn die Kellnerin kommt erneut an den Tisch. Bestellung aufgeben. Entschuldigend schielst du auf das Display deines Smartphones. Da musst du jetzt einfach drauf antworten, ist wichtig.

Selbst wenn wir mit jemandem zusammen sitzen und direkt kommunizieren, unterbrechen wir meistens das Gespräch, wenn das Handy bimmelt. Egal ob Telefon oder Nachricht. Damit priorisieren wir die virtuelle Kommunikation höher als die reale. Warum? Ich hab mich das schon des öfteren gefragt, warum die Person, die weit weg ist und sich per Handy meldet wichtiger ist, als die reale Person, die vor einem steht oder sitzt.

Es gab Zeiten, da war es peinlich, wenn im Restaurant ein Handy laut klingelte. Heute wird bestenfalls auf Vibration geschaltet, was ebenfalls äußerst nervig ist. Warum sind wir so besessen von der Vorstellung immer und überall erreichbar sein zu müssen? Aus Angst etwas zu verpassen? Gehören wir sonst nicht mehr dazu?

Verstecken wir uns hinter unser Technik?

Es wird unpersönlicher. Wir tickern Nachrichten in die Welt, was wir gerade essen oder wo wir sind, aber zum Umschauen sind wir nicht gekommen, Kopp runter, du erinnerst dich? Auch für die Menschen, mit denen wir da waren hatten wir wenig Zeit. Verzetteln wir uns in Banalitäten, während wir das Wichtige aus den Augen verlieren?

Das Handy ist heute das, was früher die Sonntagszeitung am Wochenende war, hinter der man sich beim Familienfrühstück wunderbar verstecken konnte. Vielleicht werden auch aus diesem Grund die Smarthphones wieder größer.

Das mag alles ein wenig zugespitzt sein, aber mal ganz ehrlich: Hat die virtuelle Kommunikation die reale langsam überholt? Ist es wirklich unsozial nicht ständig im social Network zu flanieren? Ich mag die moderne Kommunikation, keine Frage, ohne könnte ich dies hier nicht schreiben. Doch auch hier ist, wie so oft, Balance ganz gut. Ich kann auch mal ohne. Und du?

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